Adelheid Christ
Heilpraktikerin für Psychotherapie
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76829 Landau/Pfalz
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Trauma der Kriegsenkel

Die Kölner Journalistin und Autorin Sabine Bode greift in ihren Büchern „Die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel“ das Thema der Nachgeborenen des zweiten Weltkriegs auf. Erst jetzt offenbart sich, dass die Jahrgänge der 60er und 70er oft massiv unter den Folgen des längst vergangenen Krieges leiden. Die Kriegskinder, die Elterngeneration dieser Jahrgänge, gaben ihre Ängste und das unsichere Lebensgefühl an ihre eigenen Kinder weiter.

Sabine Bode schreibt, dass es bisher eine intensive akademische Aufarbeitung des Weltkrieges gab, aber keine emotionale. Die Kriegskinder konnten nicht trauern und haben vieles verdrängt. Wenn eine Mutter jedoch ein unverarbeitetes Trauma in sich trägt, spürt schon ein kleines Kind: ich muss für meine Mama da sein, ihr Freude machen und sie stabilisieren, sonst wendet sich sich von mir ab. Diese sog. „Beelterung“ bedeutet eine massive Überforderung für ein Kind. Es sollte doch umgekehrt sein! Die Eltern müssen ein Kind emotional stabilisieren, damit es gesund aufwachsen kann.

Hinzu kommt die fehlende empathische Reaktion der Mutter bzw. der Eltern. Gesunde Erwachsene können das intuitiv. Wer jedoch ein tiefes Kriegstrauma in sich trägt, kann das nicht. Das Weinen und Schreien des Kindes berührt die eigene (unbewusste) Hilflosigkeit und Bedürftigkeit, was unerträglich ist. Deshalb geht ein so traumatisierter Erwachsener aus dem Kontakt, zieht sich zurück, lässt das Kind allein und beschäftigt sich mit etwas anderem. Dies hat schwer wiegende Folgen für ein Kind. Es wächst mit einer tiefen Verlustangst auf.

Vor diesem Hintergrund offenbart sich, weshalb etwa (nach den Recherchen der Autorin) jeder Dritte Deutsche von oft unerklärlichen Ängsten heimgesucht wird und keine sicheres Lebensgefühl hat, obwohl dafür kein Grund genannt werden kann. Erkennen Sie sich darin? Betroffene fühlen sich oft blockiert und haben Angst vor neuen Dingen. Wir Kriegsenkel machen die Erfahrung, dass wir unsere Eltern emotional nicht erreichen können, die Gespräche bewegen sich nur an der Oberfläche. Unsere Eltern können keine emotionale Nähe zulassen. Sie haben alles für ihre Kinder getan und enorm viel geleistet, aber die Beziehungen haben keine Wärme und es ist oft keine Unterstützung in Lebensfragen zu erwarten. Manchen Eltern wird ihre damalige schwierige Situation jetzt im hohen Alter bewusst und sie beginnen darüber zu sprechen. Etwa zehn Prozent der heutigen Senioren haben nachweislich durch Studien eine posttraumatische Belastungsstörung und sich erkennbar psychisch krank. Eine weitere Gruppe von Senioren ist nicht ganz so schwer belastet, haben aber ein auffälliges Verhalten: sie können nicht richtig in Beziehung gehen, interessieren sich nicht für die Welt der Jüngeren, haben ein Schwarz-Weiß-Denken (zum Beispiel die Einteilung in gute und schlechte Menschen) und wollen sich gegen alle Gefahren absichern und nichts riskieren. Dieses Verhalten haben dann deren Kinder oft übernommen!

Sollten Sie psychische Probleme haben und sich auf einmal für dieses Thema interessieren, könnten diese damit zusammen hängen. Sollten Sie eine Erleichterung spüren, wenn Sie erkannt haben, dass viele Ängste und Depressionen eigentlich zu Ihren Eltern oder Großeltern gehören und nicht „Ihr Paket“ sind, ist dies die richtige Spur.

Vielleicht können Sie nun das Verhalten Ihrer Eltern besser einordnen. Vielleicht können Sie das Gespräch mit ihnen suchen und Verständnis entwickeln. Sollte das nicht möglich sein, hilft nur eine emotionale Abgrenzung. Es geht um Ihre eigene seelische Gesundheit. Vielleicht finden Sie eine andere Ebene des Umgangs miteinander, eine Erwachsenen-Ebene, wo Sie keine Erwartungen mehr an Ihre Eltern haben.

Sollten Sie mit dem Rollentausch („Beelterung“) aufgewachsen sein, wurden emotional allein gelassen oder haben Sie Schwierigkeiten, Ihre Gefühle zu regulieren, hilft eine Psychotherapie weiter. Dies ist alleine nur sehr schwer zu schaffen.