Adelheid Christ
Heilpraktikerin für Psychotherapie
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76829 Landau/Pfalz
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Geringes Selbstwertgefühl

Woran liegt es, dass die einen total von sich überzeugt sind, positiv gestimmt sind, Schwierigkeiten meistern und an sich glauben – während andere voller Selbstzweifel und ängstlich sind, sich für wertlos halten und von sich denken, sie können nichts?

Wie bei allem, spielen auch hier verschiedene Dinge eine Rolle: natürlich die Gene, die Prägung durch Erziehung (Bindungserfahrung) und Erfahrungen im weiteren Umfeld.

Es gibt verschiedene Menschentypen. Ob die Merkmale eines bestimmten Menschentyps angeboren oder durch Prägungen im frühen Kindesalter erst entstanden bzw. verstärkt worden sind – darüber sind sich Wissenschaftler nicht einig. Doch dass es unterschiedliche Menschentypen mit spezifischen Merkmalen gibt, ist unbestritten. So hat zum Beispiel schon der Schweizer Psychotherapeut C.G. Jung einen introvertierten und extrovertierten Typus beschrieben. Es gibt leise und laute Menschen. Es gibt die eher nachdenklichen,  die willensstarken, die impulsiven, die herzlichen und einfühlsamen Menschen, es gibt die Macher, die Strategen, die Individualisten, die Gemeinschaftsmenschen.

Der Menschentyp alleine ist jedoch keine Erklärung dafür, wieso der eine Mensch ängstlich und unsicher, der andere selbstbewusst und stark ist. Dies hängt ganz wesentlich davon ab, ob jemand als Baby und Kleinkind eine positive, verlässliche, innige Beziehung, anfangs vorwiegend zu einer bestimmten Person, erlebt hat. Darin sind sich alle Bindungsforscher, Psychotherapeuten und Neurowissenschaftler einig. Wurde ein Baby allein gelassen, wurde ein Kleinkind nicht liebevoll umsorgt, wurde es ignoriert, abgewiesen oder bei vielen wechselnden Betreuungspersonen in den ersten zwei Jahren “herumgereicht”, konnte es kein Urvertrauen entwickeln, sich nicht beruhigen, konnte sich selbst deshalb nicht richtig spüren und hat sich nicht als wertvoll erlebt. All diese Erfahrungen prägen einen Menschen für sein ganzes Leben, denn die Entwicklung des Gehirns findet in dieser Zeit statt: Zuerst die Bindung, dann die Bildung! Ein Gehirn im Angstzustand, überschüttet mit Stresshormonen (was Alleingelassen bedeutet), kann nicht lernen. Folgen sind: Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensstörungen, Lernschwierigkeiten, Ängstlichkeit, ein geringes Selbstwertgefühl.

Zum Bedürfnis nach Verbundenheit kommt dann immer mehr das Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Fühlt ein Kind sich sicher gebunden, kann es  voller Neugierde in die Welt gehen und Erfahrungen machen. Den Eltern, Erziehern und anderen Bezugspersonen sollte idealerweise der Spagat gelingen, Nestwärme zu geben und gleichzeitig immer mehr ein Kind etwas alleine machen lassen. Überbehütung kann auch schädlich sein, dann traut ein Kind sich nichts alleine zu. 

Und noch etwas ist wichtig: in den ersten Lebensjahren werden Muster  im Unterbewusstsein gebildet. Das sind innere Überzeugungen. Diese wirken im Verborgenen und bestimmen unser Handeln, sind sozusagen die Brille, durch die wir uns selbst sehen. Beispiele für negative Sätze: “Ich bin nicht willkommen”, “Ich bin ein Verlierer”, “Ich darf keine Fehler machen”, “Ich muss immer alles alleine machen”, “Ich bin es nicht wert”, “Ich muss mir Liebe verdienen”. Starke, positive Menschen haben vorwiegend positive innere Überzeugungen: “Ich darf meine Meinung sagen”, “Ich bin wichtig”, “Die anderen mögen mich”, “Ich kann das”, “Ich bin liebenswert”.

Die negativen Erfahrungen/Überzeugungen schwächen. Sie sind wie eine Wunde. Um diesen Schmerz nicht spüren zu müssen, entwickeln wir dann Gegenmaßnahmen. Minderwertigkeitsgefühle treiben uns zu Höchstleistungen an, wir wollen bei allen beliebt sein, anderen immer alles recht machen, anderen helfen, die Besten, die Schlauesten, die Schönsten, die Perfektesten, die Fleißigsten oder die Erfolgreichsten sein. Dies wirkt wie ein Beruhigungsmittel, behebt jedoch nicht die Ursache. Ein gestörtes Selbstwertgefühl ist oft die Ursache für psychosomatische Erkrankungen und Depressionen, was Ulrich Orth in seinen Studien herausfand.

Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden, fragen Sie sich  jetzt sicher: Ist bei mir “Hopfen und Malz verloren”? Oder kann ich trotz Mangelerlebnissen in der Kindheit noch ein positiver, starker Mensch werden?

Ja, das können Sie. Wir Menschen sind zum Glück nicht festgelegt auf ein Programm. In unserem Gehirn finden bis zum Lebensende neue Verknüpfungen statt, d.h. wir sind lernfähig. Wir können auch umlernen durch neue Erfahrungen und durch neue Erkenntnisse. Das kostet Kraft, Wille und Zeit, aber es ist möglich. Wir können die frühen Erfahrungen nicht auslöschen, aber wir können sie “überschreiben”, d.h. mit positiven Erfahrungen ausgleichen. Wir können lernen, uns Dinge bewusst zu machen, uns selbst zu regulieren, für uns zu sorgen, uns wert zuschätzen und selbstbestimmt zu handeln. In einer Therapie ist dies zum Beispiel möglich.